4. Traum | Ein Traum von einem Auto
Aktion, Ein Traum von einem Auto, Träume, Videbitis
Eingesandt von: Videbitis
Website: Köln-Bilder-Blog
Ein Traum
Ein Traum! Ein wirklicher Traum von einem Auto! Kaum war das Abendessen vorbei, schnappte Lars sich seine Jacke, rief seiner Frau Laura das übliche „Ich glaub, ich geh noch mal ne Runde!“ zu, und sie antwortete ebenso gewohnheitsmäßig: „Aber komm zu Fuß zurück.“ Sie lächelte, denn sie wusste genau, wohin er ging: Sein täglicher Abendspaziergang führte ihn nicht in eine Kneipe, wo Kurt und die anderen Kumpel herumhingen, sondern, wie von einem Magnet angezogen, zum Autohaus Bevensen. Und so war es auch. Lange stand Lars vor der großen Schaufensterscheibe, er ging ein Stück, um eine andere Perspektive einzunehmen, und es dauerte eine Weile, bis er alle Sichtweisen ausgekostet hatte, die das Schaufenster zuließ. Seitdem er diesen Mercedes zum ersten Mal gesehen hatte, träumte er von ihm: Schwarz, mit silbrig glänzenden Chromteilen und einer cremefarbenen Inneneinrichtung. Laura fragte immer, wenn er davon vorschwärmte, wo er den denn hinstellen wolle, ohne Garage, und Kurt macht
e höhnische Bemerkungen über das „Bonzenauto“, das sei doch nichts für einen Arbeiter. Aber das war Lars egal. Das Auto war einfach perfekt, und wenn man ihn gefragt hätte, was Vollkommenheit ist, Lars hätte ohne zu zögern gesagt: Der Mercedes bei Bevensen im Schaufenster. Letzte Woche hatte er sogar hinter seinem Steuer gesessen, die Augen geschlossen, den Duft des Neuen eingeatmet und sich vorgestellt, wie er zusammen mit seiner Laura damit übers Land fuhr. Nicht, dass Lars einfach so getan hätte, als würde er sich ernsthaft überlegen, den Wagen zu kaufen. Bevensen hatte aufgrund der Eröffnung der fünfzigsten Filiale einen „Tag der offenen Tür“ veranstaltet, und wer wollte, konnte sich alle Fahrzeuge im Verkaufsraum ganz genau ansehen und ein Schlückchen Sekt dazu trinken. Außerdem gab es eine Verlosung, und der erste Preis war – der Mercedes! Lars hatte noch nie etwas gewonnen, außerdem wurde die Verlosung in allen Filialen durchgeführt, deswegen machte er sich wenig Hoff
nungen, und wenn Laura ihm den schon halb ausgefüllten Spielschein nicht aufgedrängt hätte, er hätte sich nicht beteiligt.
Es kam, wie es in einer solchen Geschichte kommen muß: Lars gewann das Auto. Der Chef des Autohauses überreichte ihm in Anwesenheit der Lokalpresse den Autoschlüssel, wieder gab es Sekt, und Lars konnte den Gewinn gleich mitnehmen. Gleich am nächsten und auch an den folgenden Wochenenden unternahmen er und Laura Fahrten übers Land, wie er es sich vorgestellt hatte. Am dritten Wochenende machte der Wagen merkwürdige Geräusche, er zog nicht mehr richtig, und Lars war froh, als sie wieder zu Hause angekommen waren. Das fehlte gerade noch, sagte er zu Laura, dass sie mitten in der Walachei irgendwo liegen blieben. In der Werkstatt von Bevensen war man zuvorkommend, gleich wolle man sich darum kümmern, und tatsächlich, zwei Tage später konnte Lars den Wagen wieder abholen. Die Rechnung ging aus „Kulanz“ auf das Autohaus. Vorsichtig, aber immer noch stolz kutschierte Lars mit seinem Auto durch die Stadt und führte es auch Kurt und den anderen vor, die sich zur Feier des Tages einen
von ihm ausgeben ließen. Die Wochenendfahrten jedoch setzte er erst mal aus – und wie sich zeigte, zu Recht: Innerhalb des nächsten halben Jahres war er 15 Mal in Bevensens Werkstatt, wo man sich inzwischen nicht mehr freute, ihn zu sehen. Von Kulanz konnte natürlich gar keine Rede mehr sein, „bei einem Gewinn kein Rechtsanspruch“, hieß es lapidar, also musste Lars die sich häufenden Rechnungen selbst bezahlen: Lichtmaschine, Zündung, Elektronik etc., alles versagte nach und nach seinen Dienst und musste repariert werden. Lars traute sich kaum noch, längere Strecken zu fahren, und als der Wagen eines Tages nicht mehr anspringen wollte, gab Lars auf. Er besorgte eine Plastikplane und ließ das Auto in der Auffahrt stehen.
„Hast du schon gelesen, Bevensen ist pleite“, sagte Laura ein paar Tage später zu ihm. „Er soll sich übernommen haben, 50 Filialen, da hat er den Überblick verloren.“ Lars nahm es mit Gleichgültigkeit: Er wusste, dass die „GmbH Bevensen“ nur beschränkt haftete, der Chef würde kaum in Armut fallen, und abends zum Autohaus zu spazieren, die Lust war ihm schon lange vergangen.
Ein Vierteljahr später wurde mit großem Pomp ein neues Autohaus in den alten Räumen eröffnet, „Salon“ hieß das nun. Für Luxusautos gab es angeblich einen guten Markt. Nichts für mich, dachte Lars, aber zu Lauras Verwunderung sagte er eines Abends das vertraute „Ich glaub, ich geh noch mal ne Runde“. Wie von unsichtbarer Hand gezogen, steuerte er das neue Autohaus an, und da sah er – einen Traum! Ein traumhaftes Auto, wie er es selten in der Gegend gesehen hatte. Lars nahm seine abendlichen Spaziergänge wieder auf, und unweigerlich führte ihn sein Weg an dem „Salon“ vorbei, in dessen Schaufenstern er die glänzende Pracht betrachtete. „Da staunen Sie, Herr Lars“, sagte plötzlich eine vertraute Stimme hinter ihm. Lars drehte sich um – Fiete, der Auszubildende aus der Werkstatt, allerdings irgendwie seriöser, vielleicht lag es an dem schwarzen Anzug. „Ich bin jetzt hier stellvertretender Verkaufsleiter“, sagte er stolz. „Gut, daß ich Sie sehe. Wir haben zur Eröffnung wieder ein P
reisausschreiben, und bei Ihrem Glück, da dachte ich mir . Herr Lars? . so warten Sie doch . Herr Lars! . wo rennen Sie denn hin ..“.
Videbitis, 12.2011